Der Naturalismus in Deutschland
Der Naturalismus erlebte in Deutschland besonders in den Jahren 1889/1890 seine Blüte. Als europäisches Phänomen entstand er in Frankreich (E. Zola; G. de Maupassant), Russland (Lev Tolstoy und F. Dostojevskiy) und Skandinavien (Ibsen). Der deutsche wichtigste Vertreter des Naturalismus war Gerhart Hauptmann mit seiner Novelle "Bahnwärter Thiel" (1888) und dem Drama auf schwäbischem Dialekt "Die Weber" (1892).
Wichtige Vertreter
Arno Holz war der Hauptvertreter des "Sekundenstils", der mit der Formel Kunst = Natur-X eingesetzt wurde. Er schrieb die Gedichtsammlung "Revolution der Lyrik", in der das Gedicht "Phantasus" eines der schönsten Gedichte des Naturalismus ist. Dieses Gedicht besteht aus 19 Zeilen mit insgesamt 6 Versen und umfasst dabei 71 rasante Worte. Johannes Schlaf (Papa Hamlet) schrieb vor allem Dramen und prosaische Werke. Johannes Schlaf verwendete den inneren Monolog, um die Handlung der Meister Oelzer im Jahr 1892 zu schreiben. Der innere Monolog wurde mit dem Drama "Die Familie Selicke" von Johannes Schlaf auch auf die Bühne erstmals inszeniert.
Themen und Merkmale
Alle Naturalisten interessierten sich für die konkreten Aspekte der Wirklichkeit. Während die Autoren des bürgerlichen Realismus vor allem die positiven und schönen Seiten des Lebens darstellten, beschrieben die Naturalisten auch die hässlichen, dunklen Seiten des Lebens. Die Hauptfiguren des Naturalismus waren Proletarier und Arbeiter, die aus dem Vierten Stand kamen und erstmals in die deutsche Literatur auftraten. Naturalisten machten die Prostitution, den Alkoholismus und auch das sonstige soziale Elend, das die moderne Industriegesellschaft mit sich brachte, zum Hauptgegenstand ihrer Kunst.
Philosophische Einflüsse
Philosophisch gesehen war das 19. Jahrhundert geprägt von der Lehre Ludwig Feuerbachs über den Materialismus, von Heideggers Sprache, vom Pessimismus Arthur Schopenhauers, vom Comte’schen ökonomischen Positivismus und der Milieutheorie des Hippolythe Taine. Nun kam noch die Theorie über die Allmacht der Entwicklung und Vererbung von Charles Darwin hinzu.
Das analytische Drama
Die Gattung, die in dieser Periode auf deutschem Boden eine große Blüte erfuhr, war das "analytische Drama". Im klassischen Drama wurde der Ort des Geschehens nur kurz angedeutet, denn die Figuren füllten und prägten ihn durch ihr Handeln. Bei den deutschen Dramen kamen die Charaktere, ihre soziale Umwelt und ihre psychologische Veranlagung durch den Dialekt, sogar die Umgangssprache, zum Ausdruck. Jedes Detail war typisch für das Milieu, in dem die Figuren lebten. Die Zuschauer erhielten somit ein intimes Bild des Milieus.
Gerhart Hauptmanns Drama Meisterwerk "Die Weber" wurde sogar in schwäbischem Dialekt, um die Wirkung des proletarischen Milieus zu steigern, inszeniert. Hauptmann inszenierte Alltagsszenen in einer Textilfabrik, in Kneipen und Hinterhöfen. Als Folge einer wilden Verstädterung zeigten die Naturalisten das Elend, die Krankheit oder die Alkoholabhängigkeit der Menschen.
Reaktionen und Auswirkungen
Die erste Phase der literarischen Produktion des Naturalismus war eine treue Reproduktion der Wirklichkeit von Fabrikarbeitern aus niedrigen Milieus. Und sie stieß damit auf höchsten Widerstand. Kaiser Wilhelm II war, nachdem er die Aufführung "Die Weber" von Gerhart Hauptmann gesehen hatte, brüskiert und nannte die Literatur des Naturalismus eine "Schrottkultur". Während in der Klassik noch das Schöne und im Realismus die positive Wirklichkeit noch in poetischer Verklärung wiedergegeben worden ist, provozierten die Naturalisten das Publikum durch hässliche Gegenstände. Doch nicht nur der Kaiser, sondern auch das Bürgertum war von den Naturalisten geschockt. Politisch setzte der Kaiser strenge antisozialistische Regeln als Konsequenz des proletarischen Klassenbewusstseins. Die Sozialdemokraten, die anfänglich noch mit den Naturalisten sympathisiert hatten, kehrten ihnen, nachdem sie 1890 zu einer staatstragenden Partei geworden waren, den Rücken zu. Sozusagen lehnte die gesamte gebildete Gesellschaft die Thematik der naturalistischen Literatur ab.
Spätere Werke von Gerhart Hauptmann
Am Ende der Naturalismus-Zeit schrieb Gerhart Hauptmann eine andere berühmte Herstellung des Theaters, die Komödie "Der Biberpelz" (1893), in der der Autor den Berliner Stadtrand und eine schlaue alte Frau (Mutter Wolffen) darstellte. Hauptmanns hochberühmtes letztes Drama war "Die Ratten" (1910), das noch heute in Deutschland sehr beliebt ist.
Die Lyrik des Naturalismus
Die Lyrik des Naturalismus ist eine soziale Lyrik, die sich den Problemen des Großstadtlebens widmet. Thematisiert werden die hässlichen Aspekte einer Stadt, das dortige Elend und der Schmutz. Die naturalistischen Gedichte haben keine Metrik und keine Reim-Form. Ein weiteres Merkmal des Naturalismus ist die Mittelachsenzentrierung. Dies bedeutet, dass Verszeilen zentriert gedruckt wurden.
Die Wiener Moderne des Fin de Siècle
Es gab in dieser Zeit eine Dekadenzstimmung. Die Großstruktur war feudalistisch und die Industrialisierung deutlich langsamer als im Deutschen Reich. Zentrum der Monarchie war Wien. Wien war der Treffpunkt der Kulturen und von vielen nationalistischen Konflikten. Wichtig war die Psychoanalyse von Sigmund Freud, die im Jahr 1900 mit der Traumdeutung entstand. Die Traumdeutung ist ein wichtiger Schritt zur Erforschung des Unbewussten. Freud unterscheidet in der menschlichen Psyche das Es, ein Sammelbecken für die unbewussten Triebe, das Über-Ich, eine Art Kontrollinstanz des Es, und das Ich, ein Vermittler zwischen den beiden. Aus der Diskrepanz des Über-Ichs und des Es ergeben sich dann die psychischen Störungen.
Einflussreiche Figuren und Entwicklungen
Eine weitere wichtige Figur dieser Zeit war Adolf Loos, Pionier der modernen Architektur, der sich gegen den dekorativen Ästhetizismus wendete. Er war für eine besonnene und angemessene Funktionalität der Bauwerke. Es gab in der Donaumonarchie keine realistische Literatur, doch eine, die von einer psychischen Innenwendung gekennzeichnet war. Es gab also keinen Naturalismus, stattdessen eine Tendenz zur expressionistischen Darstellungsweise.
In der Wiener Moderne war man viel offener gegenüber verschiedenen Strömungen als in Deutschland. Typisch in Wien war die Wendung der Schriftsteller zur Kunst als eine Ersatzwirklichkeit, die von den Kritikern als eine Resignation des Bürgertums gesehen wurde.
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