Sprache nach der Re-Migration
Einführung: Doppelter Migrationshintergrund durch Re-Migration
Im vorliegenden Beitrag werden spezifische, durch Migration und Re-Migration entstehende und sich entwickelnde Sprachvarietäten bei der russischsprachigen Zuwanderergruppe behandelt. Nach der türkischen bilden die Zuwanderer mit russischem Sprachhintergrund gegenwärtig die zweitgrößte Migrantengruppe in Deutschland. Aber wenn die türkischen Einwanderer bereits in der zweiten oder dritten Generation in Deutschland leben, so geht es bei den russischsprachigen Zuwanderern um die erste Generation (die Einwanderungsgeneration).
Nach dem Zerfall der ehemaligen Sowjetunion haben viele Menschen aus den GUS-Staaten die Möglichkeit ergriffen, nach Deutschland auszuwandern. Die russische Einwanderungspopulation ist jedoch sowohl hinsichtlich der Migrationsgründe als auch bezüglich ihrer Herkunft und den sprachlichen Konstellationen nicht homogen. Neben den ethnischen Russen, die bei der Einreise meistens nur über Kenntnisse des Russischen verfügen, sind es vor allem die deutschstämmigen Russlanddeutschen, die sog. Aussiedler, die neben Russisch auch eine deutsche Varietät beherrschen und so bereits zweisprachig nach Deutschland einwandern.
Die Zahl der Zuwanderer mit russlanddeutschem Migrationshintergrund beträgt nach offiziellen Angaben seit 1988 rund drei Millionen. Eine weitere Untergruppe der russischsprachigen Zuwanderer sind die sog. Kontingentflüchtlinge, d. h. russische Juden, die neben dem Russischen auch teilweise Kenntnisse einer jiddischen Varietät aufweisen können. Seit 1990 sind aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion ca. 200.000 Personen mit jüdischem Migrationshintergrund nach Deutschland eingewandert.
Im Projekt Migrationslinguistik, das im Folgenden vorgestellt werden soll, steht die Zuwanderungsgruppe der deutschstämmigen Aussiedler im Mittelpunkt. Untersucht wird die Gruppe der Dialekt sprechenden erwachsenen Aussiedler, deren Repertoire bei der Einreise eine deutsch-dialektale Varietät aufweist. Dabei handelt es sich vor allem um Zuwanderer, die aus deutschen Sprachinseln stammen, ihren Sprachinseldialekt beherrschen und ihn bis zur Auswanderung aktiv in der Kommunikation einsetzten.
Gerade Anfang der 1990er Jahre begann die massive Auswanderung aus den deutschen Sprachinseln Sibiriens und Kasachstans, die dazu führte, dass sich in nur einem halben Jahrzehnt fast die gesamte deutsche Sprachinsellandschaft der ehemaligen Sowjetunion durch Abwanderung der Sprecher aufgelöst hat. Mit dieser Einwanderungswelle sind in der ersten Hälfte der 1990er Jahre russlanddeutsche Familien nach Deutschland zugezogen, in denen nicht nur die Vertreter der älteren Generation kompetente Dialektsprecher waren. Auch bei der mittleren Generation und den jungen Eltern aus deutschen Sprachinseln war ein russlanddeutscher Dialekt zum Zeitpunkt der Auswanderung als ingroup-Varietät noch fester Bestandteil des Sprachrepertoires.
In sprachlicher Hinsicht sind Dialektsprechende Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion – entgegen der in der Migrationsforschung bisweilen vertretenen Meinung (vgl. Currle 2006) – als »Remigranten« zu betrachten, obwohl sie nicht selbst, sondern ihre Vorfahren vor 200 Jahren aus Deutschland ausgewandert waren. Als solche sind sie mit einer differenzierten, etwas anders gestalteten Migrationsproblematik konfrontiert. Es zeichnet sich hier nämlich sehr deutlich ein in gewisser Weise doppelter Migrationshintergrund ab.
In Bezug auf die Herkunftssprache Russisch sind Aussiedler fremdsprachige Einwanderer wie andere Migrationspopulationen auch. Die Staatssprache des Auswanderungslandes war die offizielle Kommunikationsvarietät des öffentlichen Verkehrs, die Schul- und Bildungssprache sowie die Schriftsprache. Nach der Einwanderung prägen Sprachkontakte der russischen Herkunftssprache mit dem Deutschen in Deutschland (Standardsprache und Regionalsprachen) die sprachlich-kommunikative Realität der Aussiedler. Hier zeigen sich viele Parallelen und Ähnlichkeiten zu anderen Migrantengruppen in Bezug auf die sprachliche Migrationsproblematik und Integration (Sprachkontakte des Russischen mit dem Deutschen des Einwanderungslandes).
Andererseits ist bei Aussiedlern durch ihre Herkunft und Dialektkompetenz auch ein deutschsprachiger Hintergrund vorhanden.
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