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Oswald von Wolkenstein-Gesellschaft

Oswald von Wolkenstein (ca. 1377-1445), Ritter, Sänger und Liederdichter aus Südtirol, gilt als ein Glücksfall für die Wissenschaft. Sein künstlerisches Werk ist so gut wie bei kaum einem anderen Dichter des Mittelalters überliefert: In zwei kostbar ausgestatteten Pergamenthandschriften sind die Texte und Melodien seiner rund 130 Lieder unter seiner persönlichen Aufsicht in Versionen aufgezeichnet, die von Oswald selbst autorisiert sind.
Die jüngere dieser beiden Prachthandschriften, die auf 1432 datiert ist und heute in der Universitätsbibliothek Innsbruck aufbewahrt wird, enthält außerdem ein lebensgroßes Brustbild des Autors, das zugleich als erstes lebensechtes Porträt eines deutschen Dichters in die Literaturgeschichte eingegangen ist.
Auch das Leben des einäugigen Wolkensteiners ist in Quellen ähnlicher Authentizität dokumentiert, die zudem in der bloßen Anzahl von über 1000 erhaltenen Lebenszeugnissen einzigartige Voraussetzungen für die Rekonstruktion seiner Biographie bieten. Wie bei seinen Liedern hat Oswald den Grundstock zu dieser außergewöhnlich reichen Hinterlassenschaft selbst gelegt, indem er seine Korrespondenz, Akten, Urkunden sowie Rechnungsbücher und Besitzverzeichnisse in einem Archiv persönlich gesammelt und seinen Erben vermacht hatte. Dieses Wolkenstein-Archiv, das zum größten Teil in den Bestand des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg gelangt ist, sowie weitere Aktenkonvolute und Schriftstücke, die sich in über 40 Bibliotheken und Archiven sowie im Besitz der Nachkommen befinden, werden seit 1986 in einem speziellen Forschungsprojekt unter der Leitung des Altgermanisten und Oswald-Biographen Anton Schwob an der Universität Graz systematisch registriert, beschrieben und in Texteditionen samt Registerbänden der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Die 'Historische Edition' der Lebenszeugnisse Oswalds von Wolkenstein verspricht der Wissenschaft einen doppelten Ertrag. Zum ersten kann der biographische Hintergrund seiner Lieder faktisch erhellt und chronologisch eingeordnet werden. Zum anderen sind damit die nötigen Voraussetzungen geschaffen, um ein Persönlichkeitsbild zu erarbeiten, worin Denken und Handeln, Dichtung und Leben in ihren bisher zutage getretenen Widersprüchen und Inkongruenzen wissenschaftlich analysiert und historisch gedeutet werden können.
Dies ist sicher keine leichte, aber eine der faszinierendsten Aufgaben in der Erforschung der deutschen Literatur des Mittelalters, zumal das abenteuerreiche Ritterleben und die selbstironischen Lieder des Wolkensteiners in der Gunst junger Leser und Wissenschaftler ganz vorn liegen.
Die heutige Beliebtheit, ja Popularität des Südtirolers erklärt übrigens auch, warum Oswald von Wolkenstein im Unterschied zu den klassischen Minnesängern erst im 20. Jahrhundert wiederentdeckt worden ist. All die Besonderheiten seiner Liedkunst, die wir heute als Signum seiner Genialität schätzen, werteten die romantischen Wiedererwecker deutscher Dichtung des Mittelalters als persönliches Unvermögen des Dichters: Sprachmischung, Zertrümmerung der Syntax, Desillusions- und Verfremdungseffekte, bewußte Stilbrechungen, Bildmontagen, ein eigenmächtig freier, fast postmodern wirkender Umgang mit klassischen Formen und Motiven, sodann die ungeheuren inneren Dissonanzen seines Werks, das unvermittelte Nebeneinander von reulos genießerischer Sinnenfreude und reuevoll verzweifelter Jenseitsfurcht, der jähe Wechsel von unstillbarem Welterkundungsdrang zu resignierter Weltverneinung und manches andere mehr.
Nach den Erfahrungen der Moderne liegen die Parallelen zur Kunst des 20. Jahrhunderts auf der Hand. Daher wird es kaum noch verwundern, warum die erste wissenschaftliche Edition seiner Dichtung erst in der zweiten Hälfte unseres Säkulums erschienen ist. Seitdem ist das Interesse an Oswalds Kunst und Leben sprunghaft gestiegen, sodaß im Jahr 1980 einige Oswald-Forscher die Initiative zur Gründung der Oswald von Wolkenstein-Gesellschaft ergriffen haben.
Da Oswald im Laufe seines langen Lebens hohe Positionen in der Landes- und Reichspolitik erlangte, da er mehrere Sprachen beherrschte, auch die gesamte damalige Welt bereist und diese Erfahrungen, persönlicher wie künstlerischer Art, in seinen Liedern verarbeitet hat, lag es nahe, die Vereinigung als Forum interdisziplinärer Erforschung der spätmittelalterlichen Kultur in Europa zu begründen. Diese Aufgabe zu erfüllen, veranstaltet die Oswald von Wolkenstein- Gesellschaft alle zwei Jahre ein Symposion, wobei sowohl generelle Themen als auch speziell einzelne Autoren zum Gegenstand fächerübergreifender Erforschung gewählt werden. Bisher sind neben Symposien zu spätmittelalterlichen Regionalkulturen (Tirol, Thüringen und Sachsen), zu sozial eingegrenzten Kultursphären (Stadtkultur) zu bestimmten Zeiträumen (Literatur und Kultur um 1400 beispielsweise) auch Tagungen zu Autoren wie Konrad von Würzburg, Heinrich Wittenwiler und natürlich Oswald von Wolkenstein veranstaltet worden.
Die Tagungsbeiträge werden im "Jahrbuch der Oswald von Wolkenstein- Gesellschaft" veröffentlicht, das im gleichen Rhythmus von zwei Jahren erscheint. Den Hauptteil des Jahrbuchs ergänzen meist noch weitere themenbezogene Studien sowie ein bibliographischer Anhang, worin die Veröffentlichungen der Mitglieder in dem betreffenden Zeitraum verzeichnet sind.
Inzwischen hat sich die Oswald von Wolkenstein-Gesellschaft zu einer weltweit anerkannten Vereinigung zur Spätmittelalterforschung entwickelt. Der Mitgliederbestand hat schon seit geraumer Zeit die Zahl 400 überschritten. Davon entfällt fast die Hälfte auf Mitglieder außerhalb Deutschlands.
Um grenzüberschreitende Kontakte zu pflegen und den wissenschaftlichen Austausch zwischen allen mediävistischen Disziplinen und Schulen zu ermöglichen, sind wir auf internationalen Mediävistenkongressen wie in Kalamazoo, USA, oder in Leeds, Großbritannien, regelmäßig mit Sektionen vertreten.
Gleichzeitig bemühen wir uns jedoch, die Forschungen, die wir anregen und fördern, an ein größeres Publikum zu vermitteln. Aus diesem Grund planen wir bei jedem Symposion stets öffentliche Veranstaltungen wie Festvorträge, Ausstellungen oder Konzerte mittelalterlicher Musik ein. Unsere Bemühungen, Oswald von Wolkenstein und seine spätmittelalterliche Welt auch außerhalb wissenschaftlicher Fachkreise bekannt zu machen, sind bisher mit zahlreichen Beitritten von Nichtwissenschaftlern belohnt worden. Zurecht darf sich die Oswald von Wolkenstein-Gesellschaft daher als offene Einladung ins Mittelalter verstehen: Oswald von Wolkenstein, im 19. Jahrhundert noch eine terra incognita, heute der bedeutendste Lyriker des deutschen Spätmittelalters, harrt der gemeinsamen Entdeckung.

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